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Tempoeffekte und Tempostandardisierung |
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In Periodenbetrachtung sind altersspezifische Sterberaten ebenso von so genannten Tempo-Effekten betroffen wie altersspezifische Fertilitätsraten. Der von John Bongaarts und Griffith Feeney geprägte Begriff „Tempo-Effekt“ beschreibt eine Veränderung von Periodenraten für demographische Ereignisse, die allein aus einer während der Beobachtungsperiode stattfindenden Veränderung des Durchschnittsalters bei Eintritt des Ereignisses resultiert. Dabei führen eine Erhöhung des Durchschnittsalters zu einer Tempoeffekt-bedingten Reduktion und die Verringerung des Durchschnittsalters zu einer Tempoeffekt-bedingten Erhöhung der Periodenraten. Da demographische Periodenraten immer mit dem Ziel berechnet werden, die Häufigkeit des betrachteten Ereignisses während der Beobachtungsperiode im Sinne „gegenwärtiger demographischer Verhältnisse“ zu quantifizieren, müssen Tempoeffekte - ebenso wie Altersstruktureffekte - als ungewünschte Verzerrung angesehen werden. Dies gilt folglich auch für alle aus demographischen Periodenraten abgeleiteten Summenmaße wie die durchschnittliche Lebenserwartung.
Bei der Verwendung von demographischen Kennziffern muss also immer berücksichtigt werden, dass die konventionellen Periodenwerte nur bedingt geeignet sind, um die tatsächlichen demographischen Verhältnisse zu charakterisieren. Dies gilt vor allem dann, wenn sich das Durchschnittsalter des Eintritts demographischer Ereignisse verändert, was im Bereich der Mortalität in fast allen Ländern der Fall ist und durch die (kontinuierliche) Erhöhung der Lebenserwartung zum Ausdruck kommt. Zur Abbildung der gegenwärtigen demographischen Verhältnisse sind gerade vor einem derartigen Hintergrund tempostandardisierte, d.h. um Tempoeffekte bereinigte, Periodenwerte wesentlich geeigneter. Zur Unterscheidung von den konventionellen Werten werden tempostandardisierte Parameter mit einem Stern gekennzeichnet. Allerdings dürfen auch die tempostandardisierten Werte nicht als Kohortenschätzungen missverstanden werden. Sie repräsentieren die jeweiligen Periodenverhältnisse, indem sie abbilden, welche demographischen Durchschnittswerte in einer Bevölkerung resultieren würden, wenn die gegenwärtigen demographischen Verhältnisse konstant bleiben. Die konventionelle Lebenserwartung repräsentiert dagegen das hypothetische durchschnittliche Sterbealter, wenn die gegenwärtigen Periodenraten konstant bleiben. Der Unterschied zwischen Lebenserwartung auf Basis gegenwärtiger Verhältnisse (tempostandardisierte Lebenserwartung) und Lebenserwartung auf Basis gegenwärtiger Sterberaten (konventionelle Lebenserwartung) lässt sich am Besten daran erklären, dass sich die tatsächliche Kohortenlebenserwartung eines vor hundert Jahren geborenen Geburtsjahrgangs nicht aus dem (gewichteten) Durchschnitt der konventionellen Periodenlebenserwartung der letzten hundert Jahre rekonstruieren lässt, aus den Werten der tempostandardisierten Lebenserwartung hingegen schon. Die Tempostandardisierung von demographischen Periodenmaßen erfährt gegenwärtig eine sukzessive Verbreitung in verschiedenen Anwendungsgebieten und gehört vor allem im Bereich der Fertilitätsforschung mittlerweile zu den demographischen Standardverfahren.
Da die durchschnittliche Lebenserwartung ein wesentlich komplexeres Maß ist als die Total Fertility Rate (TFR) ist, ist auch die Bereinigung von Tempoeffekten (Tempostandardisierung) wesentlich komplizierter. Bis heute wurde noch kein Weg gefunden, alle alterspezifischen Sterberaten um Tempoeffekte zu bereinigen. Im Prinzip geht es bei der Tempostandardisierung darum, die Tempoeffekte aus den altersspezifischen Sterberaten herauszurechnen, die die Grundlage für die Bestimmung der Sterbewahrscheinlichkeiten bilden (siehe Berechnungsmethoden). Das Problem stellen bislang das Säuglings- und Kindesalter sowie die jungen Erwachsenenaltersstufen dar. Es gibt jedoch drei verschiedene Möglichkeiten, die altersspezifischen Sterberaten ab Alter 30 aufwärts um Tempoeffekte zu bereinigen. Ein Verfahren basiert auf dem Gompertz-Parameter Beta, wobei die Tempostandardisierung auf Grundlage der Veränderung dieses Parameters von einem Kalenderjahr zum nächsten mit Hilfe eines Iterationsverfahrens direkt an der konventionellen Periodenlebenserwartung durchgeführt wird. Die beiden anderen Verfahren der Tempostandardisierung basieren auf der Bestimmung eines Korrekturfaktors, mit dem die altersspezifischen Sterberaten vor der Umrechnung in Sterbewahrscheinlichkeiten um Tempoeffekte bereinigt werden. In dem einen Fall wird dieser Korrekturfaktor aus der periodenspezifischen Veränderung des Parameters „Cross-sectional Average Length of Life“ (CAL) abgeleitet, im anderen Fall erfolgt die Korrektur der Sterberaten durch Division mit der jeweiligen „Total Mortality Rate“ (TMR). Die genaue Funktionsweise dieser Verfahren kann in der entsprechenden Literatur nachgelesen werden (siehe unten).
Obwohl die Tempostandardisierung nach den drei Verfahren auf grundsätzlich unterschiedlichen Zusammenhängen basiert, erbringen sie letztlich approximativ das gleiche Endergebnis (siehe unten stehende Abbildungen). Nachteilig ist an allen drei Methoden, dass sie jeweils eine lange Zeitreihe von Periodensterbetafeln (Verfahren auf Basis des Gompertz-Parameter Beta) bzw. Kohortensterbetafeln (Verfahren auf Basis von CAL und der TMR) erfordern. Deswegen kann im Fall von Deutschland frühestens für das Jahr 1971 eine Tempostandardisierung der Lebenserwartung durchgeführt werden (siehe Tempostandardisierte Lebenserwartung in Deutschland).
Es ist im Allgemeinen bekannt, dass die konventionelle Periodenlebenserwartung in einem System sinkender Sterblichkeit immer geringer ist als die Kohortenlebenserwartung des in der Periode geborenen Geburtsjahrgangs. Vor diesem Hintergrund scheint das Ergebnis, dass die tempostandardisierte Lebenserwartung geringer ist als die konventionelle Periodenlebenserwartung auf den ersten Blick paradox. Wie oben beschrieben führt eine Erhöhung des durchschnittlichen Sterbealters zu einer Tempoeffekt-bedingten Reduktion der Sterberaten, was bei Nichtbereinigung der Tempoeffekte einen nach oben verzerrten Wert für die Lebenserwartung zur Folge hat. Letztlich steht der geringere Wert für die tempostandardisierte Lebenserwartung jedoch nicht im Widerspruch zur Unterschätzung der Kohortenlebenserwartung durch die konventionelle Periodenlebenserwartung. Die der konventionellen Lebenserwartung zugrunde liegende synthetische Kohorte, die aus den altersspezifischen Sterberaten eines Kalenderjahres konstruiert wird, erfährt die reduzierte Sterblichkeit einer Periode in allen Altersstufen, während alle zu diesem Zeitpunkt lebenden Kohorten nur in einer einzigen Altersstufe von dieser Veränderung profitieren. Dadurch kann ein Periodenwert, der auf den tatsächlichen Sterblichkeitsverhältnissen der Kohorten basiert durchaus niedriger sein als ein auf den konventionellen Sterberaten basierender. Letztlich ist der von Kohorten erzielte Gewinn durch das 100-jährige Durchlaufen sukzessive besserer Überlebensbedingungen aber größer als der reduzierende Tempoeffekt in einem dieser 100 Kalenderjahre. Somit ist es nur logisch, dass die Kohortenlebenserwartung über und die tempostandardisierte Lebenserwartung unter der konventionellen Periodenlebenserwartung liegt.
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Weiterführende Literatur: - Bongaarts, John; Feeney, Griffith, 2002: "How long do we live?", Population and Development Review 28(1): 13-29. - Bongaarts, John; Feeney, Griffith, 2003: "Estimating mean lifetime", Proceedings of the National Academy of Sciences 100(23): 13127-13133. - Bongaarts, John; Feeney, Griffith, 2006: "The quantum and tempo of life-cycle events", Vienna Yearbook of Population Research 2006: 115-151. - Luy, Marc, 2006: "Mortality tempo-adjustment: an empirical application", Demographic Research 15(21): 561-590. - Luy, Marc, 2009: "Der Einfluss von Tempo-Effekten auf die ost-west-deutschen Unterschiede in der Lebenserwartung". In: Cassens, Insa; Luy, Marc; Scholz, Rembrandt D. (Hrsg.): Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland. Demografische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen seit der Wende. Wiesbaden, VS-Verlag für Sozialwissenschaften: 140-168. - Luy, Marc; Wegner, Christian, 2009: “Conventional versus tempo-adjusted life expectancy: which is the more appropriate measure for period mortality?“, Genus 65(2): 1-28.
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Entwicklung der tempostandardisierten Lebenserwartung e(0)* nach alternativen Berechnungsverfahren, Westdeutschland, Frauen, 1971-2004 (keine Mortalität unter Alter 30)
Quelle: Eigene Berechnungen und eigene Darstellung
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Entwicklung der tempostandardisierten Lebenserwartung e(0)* nach alternativen Berechnungsverfahren, Westdeutschland, Männer, 1971-2004 (keine Mortalität unter Alter 30)
Quelle: Eigene Berechnungen und eigene Darstellung
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Lebenserwartung.info |
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Dr. Marc Luy, Senior Scientist am Vienna Institute of Demography |